Kurz vor dem Jahreswechsel veröffentlichten der Instagram-Account Lotta Antifascista und die antisemitische Gruppe Handala ihren haarsträubenden Demoaufruf gegen linke Orte und Personen in Connewitz. Diese Einschüchterungsaktion – changierend zwischen Opfergehabe und Eroberungsfantasie – wollten viele (darunter auch wir) nicht hinnehmen, und brachten dafür Ressourcen auf, die an anderer Stelle sinnvoller hätten eingesetzt werden können. Die Folge war die größte Mobilisierung im Kiez seit Jahren. Mit diesem Text, der einen Einblick in unsere laufende Gruppendiskussion gibt, blicken wir zurück auf einen Tag, von dem, trotz erfolgreicher Gegenproteste, vor allem ein fieser Emokater geblieben ist. Wir wollen deshalb einen solidarischen Diskurs darüber anregen, was sich bei ähnlichen Anlässen ändern sollte, damit antiautoritäre und emanzipatorische Demos ihren eigenen Ansprüchen gerechter werden.
Zuerst die gute Nachricht
Wir möchten allen Menschen von Herzen danken, die sich an den Gegenprotesten beteiligt haben. Unser besonderer Dank gilt den vielen Einzelpersonen, Gruppen und Initiativen, die diese Mobilisierung überhaupt möglich gemacht haben. In kurzer Zeit wurden fünf Kundgebungen und eine Demo auf die Beine gestellt. Dazu kamen viele starke Aufrufe, Diskussionsbeiträge und Solidaritätsbekundungen aus dem ganzen Bundesgebiet. Das war entscheidend dafür, dass die geplante Route von Handala & Co verhindert werden konnte und damit auch konkrete Angriffe auf Orte wie das linXXnet oder Conne Island. Das war kein Selbstläufer, sondern Ergebnis kollektiver Organisierung und antifaschistischer Solidarität. Daran haben sich auch viele beteiligt, die in den letzten Jahren nicht mehr politisch aktiv gewesen sind. Es war schön, Euch wiederzusehen – bitte bleibt dabei! Auch wenn es künftig nicht um Connewitz geht, sondern um Schwarzenberg, Limbach-Oberfrohna, Saalfeld und all die anderen Orten neonazistischer Gewalt und Hegemonie, für die sich Handala gar nicht interessiert.
Nur eine Auseinandersetzung zwischen Linken?
Am 17. Januar selbst waren wir mit mindestens 1.600 Menschen auf der Straße. Der Kiez war voller solidarischer Leute. Kneipenbetreiber*innen verteilten heiße Getränke und belegte Brötchen. Vieles erinnerte an große Mobilisierungen gegen extrem rechte Aufmärsche – auch, dass die Gegenseite von außerhalb anreiste und sich vor Ort in einem Käfig aus Hamburger Gittern die Beine in den Bauch stehen musste, umgeben vom Protest. An diesem beteiligten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen politischen Hintergründen, Perspektiven und Motivationen. Parteien und zivilgesellschaftliche Organisationen waren ebenso vertreten wie autonome Antifas. Dieser Umstand wurde in der medialen Berichterstattung jedoch kaum berücksichtigt. Stattdessen wurde vielfach unhinterfragt das Narrativ von Handala & Co übernommen, es habe sich um eine „Auseinandersetzung“ zwischen „pro-palästinensischen“ und „pro-israelischen“ linken Gruppen gehandelt.
Diese Darstellung verkennt die Realität in mehrfacher Hinsicht: Der Begriff der Auseinandersetzung verschleiert, dass es sich um einen gezielten Angriff auf einen linken Stadtteil und linke Orte handelte. Zugleich verharmlost die Bezeichnung „pro-palästinensisch“ den mörderischen Antisemitismus der beteiligten Gruppen, der sich auch an diesem Tag offen zeigte – sei es durch Symbole der islamistischen Terrororganisation Hamas, durch das laute Skandieren antisemitischer Vernichtungsphantasien oder die offene Leugnung des Existenzrechts Israels.
Auch die Verbreitung des Narrativs „weiße, staatstragende Linke vs. revolutionäre Migrantifa“ verfing in der öffentlichen Diskussion, obschon die Handala-Demo nicht wesentlich weniger weiß geprägt war als der Gegenprotest, und obwohl mittlerweile bekannt ist, dass führende Handala-Vertreter*innen handelsübliche Kartoffeln sind, die in der BSW-Fraktion beziehungsweise der Landesdirektion Sachsen arbeiten.
Falsche Parolen und antideutsche Folklore
Doch daran, dass der Gegenprotest von außen als eindimensional wahrgenommen werden konnte, tragen auch wir selbst Schuld. Bestimmte Positionen waren besonders laut und raumgreifend sichtbar, während andere kaum Ausdruck fanden. So dominierte stellenweise ein Meer aus Israelflaggen, während jene Stimmen, die vor allem die Sorge um den autoritären Rollback artikulieren wollten, der sich innerhalb der radikalen Linken vollzieht, kaum wahrnehmbar waren. Keiner Person, die eine Israelfahne dabei hatte, ist einzeln ein Vorwurf zu machen. Es war die Vielzahl der Nationalflaggen, die dem Protest im Ganzen einen verkürzten Ausdruck gab und mithin die antisemitische Provokation durch eine identitäre Identifikation mit dem jüdischen Staat beantwortete. Die Gelegenheit, den Kampf gegen Antisemitismus als antifaschistischen Standard – Antifa statt Handala! – zum Hauptausdruck zu machen, wurde verpasst. Wir hätten an diesem Tag deutlicher zeigen können und müssen, dass Antifaschist*innen vieler Spektren das Hegemoniestreben und die Hetze der antisemitischen und dogmatischen Gruppen ablehnen.
Dies fügte sich in die unerträgliche antideutsche Folklore ein, welche nicht nur jüdische Kultur vereinnahmte – etwa durch einen Soundtrack aus Klezmer und jüdischen Volksliedern, ergänzt um groteske KI-Songs – sondern in manchen Parolen indirekt den Tod von Palästinenser*innen forderte: „Nie wieder Gaza“ ist nicht das gleiche wie „Nie wieder Deutschland“. „Gegen Deutschland“ bezieht sich auf die Ablehnung einer Normalität der deutschen Nation und Volksgemeinschaft nach 1945 bzw. erneut nach 1990 und ist Ausdruck von Nicht-Identität mit dem eigenen Staat und seiner Bevölkerung. Eine Parole wie „Nie wieder Gaza“ befürwortet den brutalen Krieg der israelischen Regierung, deren Ministerpräsident es vor allem um Machterhalt geht und deren rechtsextreme Minister unverhohlen ihre rassistischen Interessen kundtun. Wer sich damit indirekt oder auch nur provokativ verbindet, hat mit den emanzipatorischen und solidarischen Positionen, die in zahlreichen Aufrufen und Redebeiträgen zu hören waren, eher nichts zu tun. Es wäre angezeigt, sich mal die Stimmen von israelischen und palästinensischen Oppositionellen zum Gazakrieg anzuhören.
Es ist beschämend, aber zum ganzen Bild gehörten weitere unterirdische Parolen. Zum Beispiel wurde entlang der Handala-Route „Ihr habt den Krieg verloren“ gegrölt. Nicht nur die Ästhetik solcher Absonderungen ist peinlich – als ob solche Leute den Krieg verfolgen wie ein Fußballspiel –, sie sind auch inhaltlich Bullshit. Der Hamas geht es nicht um militärische Erfolge im klassischen Sinne, sondern um Zerstörung, Hass und Tod – gerne auch den eigenen Tod als Märtyrer. Der 7. Oktober und die weltweite Welle des Antisemitismus war ein beispielloser Erfolg für die Hamas. Die weitgehende Zerstörung Gazas hatte sie vorab billigend eingepreist. Der israelische Gegenangriff konnte sie weder entmachten noch entwaffnen.
Wenn Trollen mit politischer Praxis verwechselt wird
Dass die betreffenden Parolen nur von einigen wenigen gerufen wurden, lindert unsere Fremdscham kaum. Diese Leute sind nicht die spitzbübischen Polemiker*innen, für die sie sich halten. Es sind Edgelords auf destruktiver Irrfahrt, deren Sache an diesem Tag nicht die Solidarität mit der undogmatischen Linken in Connewitz war, sondern stumpfes Trollen. Ihr Dachverband ist die AG NTFK Halle, die auch einen bescheuerten Redebeitrag über die angebliche Schändlichkeit des Mottos „All Connewitzer*innen are Beautiful“ verlesen durfte. In diesem wurde ausgerechnet die deutsche Polizei – ungeachtet ihrer Geschichte und aktueller Nazi-Skandale – als „Garant jüdischen Lebens“ verklärt. Der Korpsgeist in Polizeikasernen wurde mit dem unter Lehrer*innen verglichen. Wer so delulu ist, bringt ausgerechnet zum Anlass der offensichtlichen linken Spaltung ein Banner mit, das sich gegen einen vermeintlichen linken Konsens (!) richtet.
Mehr anti–nationale Ideologiekritik, mehr antifaschistische Praxis
Diese Vorfälle sind nicht nur für sich genommen problematisch, sie erledigen nebenbei das Geschäft von Handala. Sie tragen dazu bei, eine dringend notwendige Kritik an jenen Teilen der Linken zu verdrängen, die mit ihren unterkomplexen Krisenerklärungen und autoritären sowie antisemitischen Ideologien in der Gen Z erschreckend gut ankommen. Statt an die Errungenschaften anti-nationaler Identitäts- und Ideologiekritik anzuknüpfen, statt Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik pointiert zu entlarven, statt autoritäre Tendenzen und stalinistische Praxis als Machtfrage zu verstehen, gibt es folkloristische Bezugnahmen auf Israel. Ein antiautoritärer Gegenprotest gegen den begriffslosen Unsinn von Handala und Co bräuchte neue Bilder, Slogans, Aktionsformen.
Die Gefahr, die von den autoritären Akteur*innen ausgeht, sollten wir jedenfalls nicht verkennen. Diejenigen, die sich mit einem riesigen „Nie wieder Faschismus“-Banner vor Connewitz aufgestellt haben, entsolidarisieren sich offen von unseren Genoss*innen im Antifa Ost-Prozess, rufen zur Jagd auf Antifaschist*innen auf und sind mit dem linksnationalistischen BSW verknüpft. In der Tat: Die Anmelderin der „Antifa-Demo“ gegen Connewitz arbeitet für eine Partei, die den Ausbau rassistischer Abschiebepraxen mitträgt und sich zugleich den Faschisten der AfD als Steigbügelhalter anbietet. Es geht hier nicht um einen selbstbezogenen Szenekonflikt oder die Verteidigung der eigenen Scholle. Zusätzlich zu den massiven staatlichen Repressionen gegen Antifas entsteht hier eine ernsthafte innere Bedrohung der antifaschistischen Praxis in Ostdeutschland!
Der 17.01. hatte kraftspendende Momente und war ein Mobilisierungserfolg. Aber mehr noch war er eine Zurschaustellung des ruinösen Zustands der radikalen Linken. Wir wünschen uns, dass er zu einem Weckruf und Wendepunkt wird.
Foto: tearsdropdown

